Studentenjagd

STUDENTENJAGD

Die Marburger Studenten-Jagd (Aus den Akten des Universitätsarchivs) von Norbert Nail

Zu den Blüten, die das alte akademische Bürgerrecht hervorgebracht hat - etwa den Initiationsritus für Neuankömmlinge, die Deposition, oder den Universitätskarzer für straffällig gewordene Studierende, zählt an der Marburger Universität die Einrichtung einer privilegierten Studentenjagd. Die akademischen und insbesondere die landgräflichen, später kurfürstlichen Behörden erhofften sich mit der Gestattung der (niederen) Jagd für Studenten und der Zuweisung eines eigenen Reviers eine Eindämmung des Jagdfrevels und der Flurschäden im Bereich der Stadt Marburg und ihres näheren Umlandes. über Jahrzehnte hinweg hatte die "wilde Jägerei" der Studenten nämlich zu Konflikten mit Bürgern, Landeignern und Jagdpächtern geführt, darunter zu einem Dauerkonflikt mit dem Landesherren als dem Besitzer der größten und wildreichsten Jagdreviere. Die Studentenjagd befand sich zwischen 1722 und 1866 in den Niederungen rechts der Lahn südlich der Stadt Marburg in Richtung Gießen. Die erschlossenen Akten lesen sich dann wie folgt:

 

1677 beschwert sich der Landgraf bei der Universität, daß "in Unser Stadt Marburg das aus- und eingehen mit büchsen und Rohren [Schußwaffen] von denen daselbst befindlichen studenten gar zu gemein werde" (StA MR 305a A.VIII.8 Nr. 1). 1683 wird Klage geführt "über einige der dorttigen Studenten, welche mit Hunden und Büchsen die garten und felder im gehege [d. h. das landwirtschaftliche Nutzland] zu durchstreifen auch nach Hasen, Feldhünern und sonst ohne scheu zu schießen und also [...] dem kleinen weidwerk [der Jagd auf Niederwild] schaden zuzufügen [pflegen]." (StA MR 305a A.VIII.8). 1709 klagt der Landgraf, "daß sich ohnlängst einige Studenten zu Marburg ohngebührender maßen unterstanden, unsere aldortige Jagdgehege zu turbiren [stören] und dabey an einem Hegestand einige insolentien [Ungebührlichkeiten]" verübten (StA MR 305a A.VIII.8 Nr. 1). Daraufhin erläßt noch 1709 der Rektor ein Verbot, "an keinen gehegten Orthen zu jagen" (StA MR 305a A.VIII.8). 1721 wird vom Oberforstmeister einem Studioso "außerhalb dem Jagdt-District [...] die flinte abgenommen und in stücke zerschlagen" (StA MR 305a A.VIII.8 Nr.1). Um den studentische Jagdtrieb endlich in geordnete Bahnen zu führen, wird 1721 auf Veranlassung des Landgrafen "ein abriß projectiret, vermittels deßen denen Studenten auf der ordinairy [gewöhnlichen] Landtstraße hinauf von Gieselberg an auf Weymar bis Frohnhausen und von dar zurück an der Lahn bis zur neuen Flöße" ein Bezirk für die niedere Jagd zugewiesen wird (StA MR 305a A.VIII.8). Per Rescript des Landgrafen Carl vom 2. Mai 1722 wird den Marburger Studenten die niedere Jagd gestattet, nachdem "wir dann solchen jagdt District nunmehro völlig reguliren laßen und in beykommendem Abriß zwischen der Lahn und der Landstraße von Marburg nach Frohnhaußen und von dar auf Bellnhaußen, wir selbiges im Abriß mit der roth illuminirten Linie umbzogen, sich mehreres ergiebet" (StA MR 305a A.VIII.8).

 

Niedere Jagt welche laut Herrschaftlichen Schreibens sub dato Cassel den 2ten May 1722 denen Marburgischen Studenten angewiesen worden - anno 1767 (StA MR 305a A.VIII.8 Nr. 1). 1736 gibt es eine Beschwerde gegen die "Studiosos zu Marburg wegen überschreitung des denenselben vor einiger Zeit abgesteckten kleinen Jagdt Districts" (StA MR 305a A.VIII.8). Im gleichen Jahr ermahnt der Rektor die Studenten, "sich des Jagens und Vogelschiesens" außerhalb der gesetzlich vorgesehenen Zeiten "gäntzlich zu enthalten" (StA MR 305a A.VIII.8). 1772 beschwert sich der stud. theol. Joh. Herm. Christ. Backofen aus dem Neuwiedischen wegen einer ihm auf der Jagd abgenommenen Flinte. Die Flinte war ihm allerdings "nicht in der Studenten Jagd, sondern hinterm Schwanhof, folglich eine gantze Stunde von jener, nemlich in dem - dem Geheimen Rath verpachteten Jagd-District, abgepfändet worden", nachdem er "daselbst mit einem Hüner Hund in besaamten Cartuffel-Ländern [in Kartoffelpflanzungen] ordentlich gejagt, auch wer weis alles geschossen hat.“ (StA MR 5. Geheimer Rat Nr. 16144) Den "Studenten in Marburg" war im übrigen „Hundesteuer Freyheit“ gewährt "wegen des unweit der Stadt ihnen zustehenden Jagdbezirks". (Handbuch zur Kenntniß der Hessen-Casselischen Landes-Verfassung und Rechte [...] vom D. Carl Friedrich Wittich [...] Fünfter Theil [...] Cassel 1802, 346 - mit herzlichem Dank an Prof. Dr. Inge Auerbach!)

 

1779 werden einmal mehr Studenten wegen Jagens außerhalb der gesetzlich bestimmten Zeiten die Flinten abgenommen (StA MR 305a A.VIII.8 Nr. 3). Die Akademischen Gesetze von 1790 und 1796 erinnern noch einmal daran, daß das "Schiessen in der Stadt, sowohl als zwischen den Gaerten vor der Stadt, [...] bey willkuehrlicher Strafe untersagt [wird]. Dagegen bleibt die Studenten-Jagd jenseits Gißelberg in Ordnungsmaeßigen Zeiten frey, wie auch das Schießen auf dem Kaempfrasen [dem späteren Kasernengelände in der Frankfurter Straße] an der Wasserseite, in genugsamer Entfernung von den Gaerten." 1799 und 1804 gibt es Beschwerden, weil einige Studenten in der jagdlichen Schonzeit dem Weidwerk nachgehen (StA MR 305a A.VIII.8 Nr. 3). Die Akademischen Gesetze von 1810 und 1812, also die Gesetze aus der "Franzosenzeit", sehen vor, daß "diejenigen, welche sich des Vergnuegens der Jagd bedienen wollen, [...] vorher einen Waffenschein loesen, sich auf den Bezirk der Universitaets-Jagd beschraenken und die durch Jagdgesetze bestimmten Zeiten beobachten [müssen]."

 

In den Jahren 1819-1834 bekräftigen die Akademischen Gesetze noch einmal das studentische Jagdprivileg: "Namentlich ist ferner den Studirenden die Ausuebung der Jagd in dem dazu angewiesenen Bezirke jenseits Gisselberg erlaubt. Es muß aber derjenige, welcher davon Gebrauch machen will, sich Kenntniß der Grenzen des Jagdbezirks verschaffen, auch die Jagdordnung puenktlich dabei beobachten, bei Vermeidung der darin festgesezten Strafen." 1822 verteidigen die Marburger Studenten das Privileg der Studentenjagd gegenüber einem Universitätsverwandten, nämlich gegenüber dem Zeichenlehrer Joh. Mart. Benj. Keßler (1760-1823), der sich darüber bei den Universitätsbehörden beklagt: "Einige Studierende hiesiger Universität haben sich verlauten lassen, daß sie nur allein und kein anderes Universitätsglied zur Ausübung der Jagd auf dem hierzu ausgewiesenen Reviere berechtigt sein und daß sie jedem Nichtstudierenden im Fall daß er dort jage, das Gewehr wegnehmen können und wollen." (StA MR 305a A.VIII Nr. 2)

 

1824 kommt es bei Gisselberg innerhalb der Studentenjagd zu Handgreiflichkeiten zwischen einem jagenden Studenten und einigen Bauern; der Student konnte sich nicht durch Vorzeigen der Immatrikulationsbescheinigung, der "Matrikel", als Jagdberechtigter ausweisen (StA MR 305a A.VIII Nr. 2). 1830 verfügt ein Aushang am Schwarzen Brett der Universität: "Wegen der in Folge der ungünstigen Witterung später, als gewöhnlich, eingetretenen diesjährigen Aernte ist der, für den Aufgang der niederen Jagd auf den 17 September gesetzlich bestimmte Termin [...] auf den 1sten October dieses Jahres hinaufgesetzt worden, welches den studirenden Jagdliebhabern hierdurch bekannt gemacht wird." (StA MR 305a A.VIII Nr. 3)

 

In seinen zwei Marburger Studiensemestern 1846/47 brachte Wilhelm Liebknecht, der Mitbegründer der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (1869, zusammen mit August Bebel), "zuviel Zeit auf der Korpskneipe [Hasso-Nassovia] zu", versäumte andererseits aber "doch nicht Leibesübungen jeder Art: Turnen, Laufen, Hämmern, Schmieden – ich arbeitete sehr fleißig bei einem Büchsenschmied – und Schießen, nach der Scheibe und auf der Jagd. Damit man sich von meiner Jägerei keine falschen Vorstellungen macht, will ich gleich sagen, daß Marburg eine Studentenjagd hatte (und wohl noch hat), auf der jeder Student, der sich einen Jagdschein verschaffen konnte, das Recht hatte, nach Herzenslust zu schießen. Und das Recht wurde so fleißig ausgeübt, daß alles, was jagdbar war, von den Rehen an bis hinunter zu den Krammetsvögeln [Wacholderdrosseln], entweder das Revier mit bewundernswürdiger Pünktlichkeit mied oder allem, was einem Studenten und einer Flinte nur entfernt ähnlich sah, mit verzweifelter Um- und Vorsicht auf Hunderte von Schritten aus dem Wege ging. Desto besser war das ringsum angrenzende, dem Kurfürsten gehörige Jagdrevier; da gab’s Hasen und Rehe in Fülle und manchmal sogar einen Hirsch, der aus dem Waldeckschen herübergewechselt. Bei dem Versuch, einen solchen Eindringling für seinen Frevel zu bestrafen, geschah es mir eines Nachmittags, daß ein unhöflicher Förster mir eine Ladung Rehposten hart am Ohr vorbeischoß [...]." (Wilhelm Liebknecht, Erinnerungen eines Soldaten der Revolution. Zus. u. eingel. v. H. Gemkow. Illustr. v. G. Lerch. Berlin 1976, 70 f.)

 

1848 löst die Gemeinde Niederwalgern durch Zahlung eines Geldbetrages an die Universität in Höhe von 106 Talern und 29 2/3 Silbergroschen die Jagdgerechtsame [das Jagdprivileg] der Studentenjagd in ihrer Gemarkung ab; das studentische Jagdrecht erlischt in diesem Bezirk (StA MR 305a A.VIII Nr. 3). Im gleichen Jahr 1848 erhält die Universität die Genehmigung "für die Jagd in einem Theile des Marburger Forstreviers [auf den Lahnbergen], zur Benutzung durch die Studirenden" (StA MR 305a A.VIII Nr. 3). 1849 kauft die Gemeinde Niederweimar der Universität die Jagdgerechtsame in der dortigen Gemarkung ab - für rund 150 Taler (StA MR 305a A.VIII.8 Nr. 3). Das kurfürstliche Gesetz vom 7. September 1865 erklärt "die Jagdgerechtsame auf fremden Grund und Boden für ablösbar"; die Gemeinden Wenkbach, Rodebach, Argenstein, Niederwalgern (s. zuvor), Roth, Fronhausen und Bellnhausen, so klärt ein Schreiben der Kurfürstlichen Universitäts-Administrations-Commission vom 30.10.1865 auf, haben daraufhin "die Ablösung der Jagdgerechtsame in ihren Gemarkungen mithin auch der fraglichen Studentenjagd, soweithin in solchen ausgeübt wurde, beantragt. Da hierauf die Studentenjagd in diesen Gemarkungen in Wegfall kommen wird, so beehren wir uns [...] Nachricht zu geben" (StA MR 305a A.VIII.8 Nr. 3). 1866 löst als letzter betroffener Ort die Gemeinde Oberweimar die Studentenjagd in ihrer Gemarkung ab; die (nunmehr preußischen) Akademischen Gesetze von 1871 verkünden dann amtlich und endgültig hinsichtlich des § 15, daß die "Jagdgerechtsame der Universität jetzt sämmtlich abgelöst" sind. Damit war eine weitere Kuriosität im Leben der Marburger Studenten beseitigt, nachdem bereits um die Mitte des 18. Jahrhunderts der Brauch der akademischen Deposition aufgegeben worden war. (StA MR 305a A.VIII.8 Nr. 3 )

 

Dr. Norbert Nail (2004). Ursprüngliche Fassung in: Studenten-Kurier 1/2004, 15 – 17.